Ungeficktes Innsbruck 5000 Likes lügen nicht • Vice • 3 Min Lese

Foto: Julien Feuillet

Kennt ihr Utopia? Dieses Land, wo es Honigmilch regnet, die Demokratie blüht und man nie Verstopfung kriegt? Überall gutaussehende Hippies und Sozialisten und jeder vögelt jeden? Tja, das gibt es nicht. Entsprechend ist auch Innsbruck nicht das Sex-Utopia, als das es in diesem Artikel angehimmelt wurde.

Lasst mich euch mal etwas Wahres über die Stadt erzählen, bevor jetzt noch mehr Schneepilger zum „Powdern“ hierher kommen, in der uns Menschen innewohnenden Hoffnung, endlich mal wieder flach gelegt zu werden.

Es ist ja eigentlich sehr schmeichelhaft, zu lesen, dass wir so viel Sex haben in der Alpenmetropole. Wir haben alle guten Sex, guter Sex ist gut, deswegen sind wir gut. Das Leben ist gut. Alles ist gut. Eins lässt mich trotzdem nicht los: der Gedanke, dass es im Leben der „Verficktes Innsbruck“-Autorin einen Moment gab, in dem sie einfach den besten Sex ihres Lebens hatte und sich dann, noch etwas verwirrt, sofort an die Schreibmaschine gesetzt hat.

Zur Erklärung, ich bin sehr für emotionales Schreiben, write drunk, edit sober (sagt zumindest Hemingway) und all das. Aber ein bisschen muss ich jetzt doch die Dinge zurechtrücken, sorry. Im VICE wird derzeit ja jede andere Stadt gebashed. München wird gebashed, Berlin wird gebashed und überhaupt werden hier alle möglichen Paradiese vorgestellt, die eigentlich die Hölle sind. Nur Innsbruck kommt gut weg. Das ist komisch.

Zuerst mal: Ja! Hier gibt es viele Sportler. Und wenn sie nicht gerade im Krankenhaus sind, haben sie ziemlich heiße Körper, das gebe ich zu. Ich gebe auch zu, dass in Sachen Frequenz, Ausdauer, Takt und alles rund um den vaginalen Orgasmus der Frau (sollte es den denn geben) Fitness die unbemannte Drohne unter den starken Waffen ist. Aber das ist auch schon das letzte, das ich zugebe.

Kommen wir dazu, warum das alles trotzdem nicht stimmt. Zum Vorspiel muss ich enttäuschen—die Empirie sagt: Wir haben keinen Sex. Und wenn, dann nicht besonders guten. Da könnt ihr alle fragen. Wir hätten gerne, ja, aber wir haben nicht. Die Leute, von denen ich spreche, sind auch alles andere als unattraktiv. Es sind absolut heiße, sexy, interessante, schöne, schlaue und auch sportliche Menschen dabei.

Da draußen sitzen aber trotzdem nur einsame, trockene Seelen und masturbieren sich in den Schlaf. Ich bin wirklich von meinem Umfeld und dessen Umfeld ausgegangen und habe nach Leuten gesucht, die oft und guten Sex haben. Ich habe aber wenige gefunden—vor allem unter den Single-Männern. Hier acht Gründe, weshalb das so ist.

Erstens: Hier kennt sich jeder.

Irgendwann, und das geht relativ schnell, hat man alle durch, die es wert wären und auch ein paar von denen, die es nicht wert wären. Erst die aus dem Seminar. Dann die aus dem unteren Semester, dann den anderen Studiengang, dann die besten Freunde derer, die man schon hatte. Und hat man mal jemanden gefunden, mit dem mannoch mal wollen würde, wird es kompliziert: Man müsste sich dann emotional involvieren, was man wiederum äußerst ungern wollen würde.

Zweitens: Sexy Körper heißt leider nicht sexy Gesamtpaket.

Mir fehlt da etwas. Sexy Bewegungen, Sätze, Lächeln. Fit macht nicht gleich schön. Bei mancher Frau ist es sogar so, dass ich mich in ihre Oberarme fallen lassen könnte. Will ich aber nicht. Dick sind wenig. Okay. Aber ist das genug?

Drittens: Sportler sind nicht da, wenn es einen juckt.

Meistens sitzen sie auf dem Rad, auf dem Berg, auf dem eigenen nassen Snowboard-Arsch oder gehen früh schlafen (ohne Anfassen!), damit sie am nächsten Tag fit für genau das sind, was sie heute schon den ganzen Tag gemacht haben. Fit sein hat seinen Preis. Über den Einfluss, den Radfahren oder vom Lift fallen auf Spermien hat, möchte ich an dieser Stelle schweigen.

Viertens: Was ist mit der Sexiness des Geistes?

Gar nichts. Man hat auf dem Berg zwar viel Zeit zum Nachdenken, aber diese nutzt man meist zur Planung des nächsten Berges—oder dazu, nicht runter zu fallen. Seht ihr das Kontinuum? Ich meine nicht die Sexiness in der Suche nach der perfekten Welle, sondern ein ganz simples „Ist ganz nett hier, die Welt können andere verändern“. Man lebt hier nicht, um im Leben vorwärts zu gehen, sondern um den Moment zu genießen. Nicht umsonst passiert hier alles, was nicht mit Extremsport, Energydrinks und Snowboardvideos zu tun hat, etwas später.

Das macht manche zwar fit und temporär glücklich, aber nicht besonders erfahren, oder man könnte sagen … weise. Ich finde weise und ohne Sixpack sexier als doof und fit und damit bin ich nicht allein. Okay, man könnte ab und zu ins Stadtcafé gehen, oder in den Hofgarten, oder die Mausefalle, diese billigen Clubs voller Glitzer-Make-Up und Haargel. Aber dazu müsste man lernen, mal ein Gespräch lang bis zum Kuss sein Hirn oder seine Moral oder einfach alles auszuschalten. Schafft man das, läuft man trotzdem Gefahr, eingesperrt, oder noch schlimmer: angekotzt zu werden.

Fünftens. Nochmal, man trifft sich ständig.

Das ist ein Problem. Du kannst nicht einfach alle vögeln, die du willst, und denken, dass das keine Folgen hat. Freundschaften zerbrechen an Sex. Bekanntschaften verpuffen nach Sex. Liebe scheitert wegen Sex. Dass es einmal passt mit der Fickbeziehung ist auch bei Zehntausenden Studenten eher unwahrscheinlich. Und dass ein One-Night-Techtelmechtel besser ist, als wenn man den Körper der anderen Person kennt, passiert auch selten, sorry. Außerdem schlafen eh die meisten am Wochenende im Heimatdorf bei Mama und vögeln ihre(n) Ex, die (der) auch zufällig gerade dort ist.

Sechstens: Studenten bleiben unter sich.

Was schade ist, aber zu noch weniger sexueller Anziehung und gemindertem Angebot führt. Die Arbeiter trauen sich nicht in unsere Bars und wir uns nicht in ihre. Ich saß neulich im Bus, da war so ein Mädel im Maler-Outfit. Call me crazy, aber ich fand das heiß. Ich musste schauen, dass meine Oma nicht in den Bergkurven vom Sitz fliegt, sonst hätte ich vielleicht was gesagt.

Siebtens: Alkohol.

Ich habe noch keine Stadt gesehen, in der die Leute so verklemmt sind, dass sie nüchtern das Flirten komplett unterlassen. Es gehört hier zum guten Ton, erst nach ein paar Bier und ein, zwei Schnaps das Mädel anzusprechen (so kann nichts schief gehen und wenn doch, kann Mann sich direkt ins Nirwana schießen). Mädels sprechen hier sowieso eher selten wen an, was auch zum guten Ton gehört.

Ich habe schon in ein paar Städten gelebt. Paris. Berlin. Hamburg. München. Valencia. Nirgendwo kommt man sich so distanziert näher. Das mit dem kühlen Norden gilt auch für die Berge: Stichwort Schnapskultur. Da könnt ihr alle fragen. Also zurück zum Alkohol. Ich kenne hier keinen (und es kennen sich ja alle), der ein nüchternes One-Night-Stand hatte. Mir ist das auch noch nicht passiert. Euch? Eine Folge davon ist ein Haufen schlaffe Stängel und ein Haufen trockene Mösen. Ein von mir sehr verehrter Freund hat das mal mit „den Regenwurm zurück ins Loch schieben“ verglichen. Überleben tut der, der auch betrunken noch Shakespeare trotzt, der sagt: alcohol provokes desire, but it kills performance. Der gute Mann hat dicht also auch keinen mehr hoch bekommen, soviel wissen wir jetzt.

Achtens und Klimax der Argumentation: Das Frauenargument!

Ich habe ja schon zugegeben, dass Fitness im Bett ein ziemlich geiler Vorteil sein kann—das gilt aber nicht so sehr für die Männer, liebe Autorin. Ich verstehe, dass man es als Frau genießt, irgendwann einfach penetriert zu werden, ohne Pause. Immer schneller. Härter. Ohne Aufhören. Ich verstehe das, und gebe mir damit auch alle Mühe. Aber für uns Männer ist das erst mal ziemlich wurscht, ob ihr fitte Penetrationsmaschinen seid. Denn wenn wir ehrlich sind, befördern doch öfter wir am Ende beide in die zuckenden Jagdgründe.

Das klingt hart, aber ist einfach eine mechanische Sache der Reibung. Wenn ihr oben seid, liebe Ladies, ist es natürlich fein, einfach mal locker zu lassen, aber der Punkt ist: Es geht auch anders. Eine Frau kann auch einfach mal in ihrer Sexiness daliegen, oder dastehen, oder sitzen oder knien—sich langsam bewegen. Das reicht uns manchmal schon. Ich sage nicht, dass ich das gut finde, aber es reicht.

Das Kuscheln danach

Würde ich insgeheim auch lieber mehr Tier-Sex haben, wie die Autorin ihn nannte? Ja. Mehr nüchtern vögeln? Ja! Würde ich auch gerne völlig ausgelaugt, mit wundem Shwang (ausgesprochen: shu-ong) und ein bisschen Rest-Orgasmus-Gesicht anfangen über Sex zu schreiben? Ja, ja, ja! Ich bin total neidisch auf deinen Sexartikel, liebe Autorin. Aber dies hier ist die andere, dunkle Seite dieser Stadt. Die darf man nicht vergessen, wenn man über sie schreibt. Diesen, deinen Jackpot knackt man alle paar Jahre mal. Glückwunsch dazu!

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