La Grande Merde Ein Engagement • 3 Min Lese

Foto: Arthur Kostron

Mein Engagement beim Cirque du Soleil war so eine Sache, in der es ganzheitlich betrachtet durchaus besser hätte laufen können.

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Ich war damals noch kein berühmter Schriftsteller und weil ich meine Säcke kochfester Speisekartoffeln vom Aldi ja auch irgendwie bezahlen musste, hatte ich mich für eine Hilfstätigkeit beim Circe du Soleil beworben. Der Zirkus der Sonne. Sie haben auch gleich ja gesagt. Es musste Anfang des Jahres gewesen sein, ich war pünktlich neun Uhr abends vor Ort. Die Theresienwiese lag kahl und grau und tot wie mein Opa vor uns. Ein paar Silvesterkracher auf dem nassen Boden. Man stülpte mir eine orangefarbene Leuchtweste um, damit man mich in dieser Nacht gut sieht, und setzte mir dann noch einen gelben Helm auf, damit mir nichts Unangenehmes auf den Kopf fällt, nahm ich an. Anschließend wurde mir geheißen, einen gewissen Scott aufzusuchen und ihm dann die ganze Nacht hinterherzulaufen. Dieser Scott stand ganz schicksalhaft direkt vor mir, hatte eine grüne Warnweste an und als er die Hand hob, trabte ich los wie so eins von diesen weißen Zirkuspferden. Bloß mit Warnweste und Helm. Ein Zirkuspferd mit Warnweste und Helm. Scott finden, hinterherlaufen – bisher hatte ich alles richtig gemacht, was mich in gute Laune versetzte. Vielleicht würde ich später ja noch einen Clown sehen. Oder einen Elefant auf einem lustigen Ball. Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, musste ich Obacht geben, denn Scott hatte abrupt die Richtung geändert. Kein Problem, auch das hatte ich gesehen und hatte meine Laufrichtung angepasst. Mann, ich war verdammt gut in diesem Job. Scott blieb vor einem blauen Container stehen und fing an zu schreien.

„Scheiße, mir kommt die Scheiße aus dem Arsch! Alle steht ihr mir im scheiß Weg rum. Fucking Scheiß! Die Leute müssen überall hinpissen und hinkacken. Wenigstens die Scheißtür kannste zumachen, Arschloch!“ Er trat die Eingangstüre zu, auf der ,Männer‘ stand und der Typ drinnen pisste sich auf die Hose. Es stellte sich heraus, dass Scott der Hauptverantwortliche für den Auf- und Abbau der sanitären Anlagen des Wanderzirkus war. Also, er musste sozusagen die Wanderscheiße vom ganzen Wanderzirkus wegmachen, draußen, im Winter, in der Nacht. Das war eine der fragwürdigsten Tätigkeiten, die mir bis dahin begegnet waren. Fragwürdiger war nur noch Pedros Tätigkeit, der war Scotts argentinischer Assistent. Und ich war dann Pedros Assistent. Wie gesagt, ich hatte schon bessere Tage gesehen als bei meinem Engagement beim Cirque du Soleil.

©Arthur Kostron

„Sorry die Situation ist etwas stressig,“ sagte Scott und rotzte vor uns auf den Boden. Der kam mir langsam verdächtig schlammig vor, dieser Boden. „Also, diese Dinger hier werden jetzt abgeschraubt“ er zeigte auf die Rohre, die von den Containern wegführten, irgendwohin in die Dunkelheit, wie die dicke Schlange aus der Zauberflöte, die Tamino verputzen will. „Pass auf.“, sagte Scott und spuckte nochmal kurz vor uns auf den Boden, „Blaues Rohr: gut, da fließt das saubere Wasser durch. Weißes Rohr: nicht so gut. FUCK. Muss los. PEDROO!“

Dann sprang er in ein kleines Gefährt, das aussah wie ein Golfkart für Chefs von Toiletten, hupte, schrie nochmal FUUCK und ließ mich alleine vor dem Fäkalcontainer zurück. Ein blaues Rohr guckte mich an. Nach einer kurzen Pause guckte ich zurück. Mit den weißen hatte ich keinen Augenkontakt.

Arthur Kostron
Arthur Kostron

Nach ein paar Stunden beim Cirque du Soleil erschloss sich mir langsam das Wesen dieses Jobs. Es ging mehr oder weniger darum, intuitiv Dinge zu tun, die deine Fantasie übersteigen, sonst gab‘s Ärger von Scott. Dinge, von denen du noch nicht einmal geträumt hattest. Irgendwelche beliebigen Dinge, wie zum Beispiel ein riesiges Klo anzapfen. Da gab es diese Pumpe, mit der man die bösen, weißen Rohre absaugen konnte. Das machte Scott. Mein Job war es irgendwann, diese Rohre abzunehmen und dann irgendwo zu stapeln. Scott sagte mir nicht, wo. Er sagte nur jedes Mal „FUUCK NICHT HIER“. So war ich eine Weile beschäftigt. Am Wichtigsten war, das Rohr nicht abzumachen, wenn Scott noch nicht fertig war mit Abpumpen. Sicher war ich mir nie, weil er eigentlich immer, wenn man ihn sah, FUCK schreiend und in seinem Golfkart hupend durch den Märzmatsch raste, mit den Armen gen Nachthimmel. Pedro sagte mir, Scott wäre schon wütend geboren worden dort drüben in Kanada und drehte sich seine Zigarette fertig. „Ist‘n harter Job.“

©Arthur Kostron
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Drüben, wo sie das Zirkuszelt abbauten, hüpften noch die letzten Seiltänzer herum und probierten neue Moves. Mein Move derzeit war ein weißes Rohr auf der Schulter zu balancieren, vorne und hinten tropfte etwas raus, in das ich dann entweder hineinstapfte oder knapp dran vorbei. Je nachdem, wie ich gerade drauf war. Ein bisschen davon war schon auf meinem Helm und tropfte mir auf das Ohr, und auf meiner Backe war auch etwas und da an dieser Stelle zwischen Nase und Oberlippe, wo es in die Nase reingeht. Ich war mir immer sicherer, dass das kein echter Matsch war, auf dem ich da lief. Es gab gar keine Erde auf dieser Seite der Theresienwiese. Irgendwo stand ein Mädchen und weinte. Stunden vergingen.

©Arthur Kostron
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Zwischendrin kippten Scott, Pedro und ich eine blaue Suppe aus lustigen Eimern in jedes einzelne der Klos. Es mussten um die 150 Klos gewesen sein, ich alleine hatte schon Suppe in 40 Schüsseln verteilt und Scott war Profi darin, der macht mindestens doppelt so viele wie ich in der Zeit. Absolut biologisch abbaubar das blaue Zeug, sagte er, wenn er einen Eimer in den Kloschlund ließ. Er sagte es auf eine Art, als wäre das irgendwie so etwas wie gut.

Irgendwann gegen vier Uhr morgens gab es Abendessen. Bananen, so viel man essen konnte, und Chips mit Currywurstgeschmack, in begrenzter Anzahl. Pedro hatte nach Hause gehen dürfen, mich brauchte Scott noch an seiner Seite in dieser kalten Nacht. Den dreckigen Hauptbahnhof zu unserer Rechten und die sauberen Jazzbars zu unserer Linken standen wir vor einer Reihe Pissoirs, die wir irgendwie vergessen hatten. Ich schrie FUUCK und Scott lehnte sich mit dem rechten Ellbogen über eines, ließ einen Mund voll Spucke auf die Keramik hinunter. Aber er traf nicht. Seine Spucke lief am Rand des Pissoirs entlang und tropfte in einem langen Faden auf den metallgeriffelten Boden. Er guckte mich an, ich guckte die Rohre an, die Rohre guckten Scott an, und der schloss die Augen, senkte den Kopf nach vorne und flüsterte, leise, so dass man es fast nicht hören konnte, wirklich ganz leise,

fuck

©Arthur Kostron
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Kommentare

  1. Diego

    Fuck. Schon Vorbei. Fortsetzung bitte.

  2. Nils Ketterer

    hehe, bald!

  3. Josie

    Habe beim Lesen deines Artikels meinen Kaffee gleich zweimal ausgespuckt.
    Ich denke, das ist ein Kompliment.

  4. Nils Ketterer

    Na sauber, ich hoffe du hast die Putzarbeiten nicht outgesourced.

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