Fisch Penis Rousseau

Foto: Anthony Yves

Ich glaube, das Gute und das Schlechte im Leben ist genau fifty-fifty. Wenn du es schaffst, das Gute auf 51% zu hieven, dann ist das Glück. Zu den guten 50% gehört zum Beispiel, wenn du verknallt auf einer Parkbank liegst und dir die Person, auf deren Schoß du deinen Kopf hast, Gedichte von Bukowski vorliest. Oder wenn du im Internet ein Video gefunden hast, in dem ein Affe andersrum auf einem Schwein reitet. Oder wenn sie bei Burger King den Preis vom Chicken Nugget Burger mit extra Jalapeños wieder auf einen Euro runtersetzen. Das sind die guten 50%. Und dann gibt es die schlechten. Die sind, wenn du in einem Wartezimmer sitzt, weil dir jemand vor ein paar Minuten am Telefon gesagt hatte, dass man deinen Penis nochmal aufschneiden werde müssen.

Also saß ich zu Zeiten der schlechten 50% meines Lebens in diesem Wartezimmer vor einem zugegebenermaßen sehr eindrucksvollen Aquarium. Wenigstens etwas, dachte ich, und Frau Ökhan wurde aufgerufen. Es erhob sich daraufhin eine Frau neben mir, die ich nun wirklich nicht als eine Ökhan eingeschätzt hätte. Vielleicht als eine Reitbauer, oder eine Lewiczky, nur keine Ökhan. Aber das Leben ist so. Manchmal muss dein Penis vielleicht nochmal aufgeschnitten werden und manchmal heißt man eben Ökhan, wenn man eigentlich Reitbauer heißen sollte. Das Leben im Allgemeinen hat hier eine sehr große Ähnlichkeit mit Wichteln im Büro. Man weiß vorher nie wirklich, welchen Namen man bekommt. Und meistens bekommt man einen, den man gar nicht wollte.

Im Grunde hatte ich außer warten nichts zu tun und das Aquarium vor mir war tatsächlich sehr eindrucksvoll, deswegen widmete ich mich diesem ebenso gläsernen wie wundersamen Behältnis. Dafür war es ja schließlich da: Um durch Simulation eines quaderförmigen Lebensumfeldes für Unterwasserlebewesen von fragwürdigem Kurzzeitgedächtnis den Wartenden im Rest des Raumes etwas Zerstreuung zu bieten. Dafür kippt man dann Steine, Wasser, ein paar Fische und diverse Unterwasserpflanzen in mehr oder weniger beliebiger Reihenfolge in ein möglichst tropfdichtes Behältnis in guter Lage, wirft noch einen Scheibenputzerfisch dazu, so dass beide Parteien langfristig gute Sicht haben, und voilà. Ein anderer Grund, warum dieses Aquarium hier stehen sollte, war mir nur schwer vorstellbar. Es könnte vielleicht sein, dass einer der wichtigeren Urologen auf der Station ein großer Fisch-Enthusiast war und man ihm das quasi als Widmung hierher gestellt hatte. Das könnte vielleicht sein, aber dann könnte das ganze Ding auch in seinem Büro stehen und nicht hier vor meinem Wartestuhl. Außerdem war nirgendwo eine Widmungstafel oder zumindest ein unterschriebenes Passfoto des bewidmeten Urologen angebracht.

Dieser eindrucksvoll kubische Swimmingpool übte – wie die meisten Aquarien – eine gewisse Beruhigung auf mich aus. All die kleinen Bläschen und die Fischchen und Pflänzchen und Wellchen und Steinchen und nichts davon konnte mir zu nahe kommen, wegen der Glasscheibe. Ich war also in einer sehr komfortablen Situation, wenn man einmal davon absah, dass sie mir gleich meinen blutenden Penis wieder aufschneiden würden. Komfortabler jedenfalls als die der Fische, wie mir schien. Etwas näher an der Rousseau‘schen Freiheitsdefinition. Rousseau sagt nämlich, wir sind gar nicht richtig frei und können tun und lassen, was wir wollen. Sondern wir sind nur frei, weil wir nicht tun müssen, was wir nicht tun wollen. Ich zum Beispiel war in dem Sinne frei, als dass ich zum Snackautomaten laufen und mir ein Snickers kaufen konnte. Das konnten die Fische nicht. Denen müsste jemand das Snickers zuerst aus der Plastikverpackung holen, natürlich, und dann in kleine Stücke zerbröseln, um es von oben in ihr Fischwasser zu werfen. Eine unangenehme Art der Abhängigkeit, wie ich finde. Mit Freiheit hat das nicht mehr viel zu tun. Denn Snacks sind dazu da, dass man sie zu jedem Zeitpunkt, wie sinnlos dieser auch erscheinen mag, und ob man sie braucht oder nicht, haben kann. Snacks sind sozusagen Freiheit aus dem Automaten. Jeder, der denkt, er hätte die Kontrolle über sein Leben verloren, kann sich immer noch schnell einen Snack holen. Als Krankenhausfisch bekommst du generell keine Snacks, wahrscheinlich aus gesundheitlichen Gründen oder weil so ein Aquariumsfilter mit dem Karamell von Snickers zu schnell verstopft oder der Scheibenputzerfisch kommt mit Schokolade nicht zurecht, ich weiß es auch nicht. Was mir die erste Stunde in diesem Wartezimmer gelehrt hatte, waren zwei Dinge. Erstens: Fische knabbern gerne an Steinen herum. Zweitens: Rousseau hatte Unrecht. Ich wollte hier nicht sitzen. Ich hatte wirklich keine Lust auf diese Penis-OP – und war trotzdem gezwungen, sie durchzuziehen, sofern ich noch an die schönen 50% meines Lebens glauben wollte. Ich musste hier sitzen, ob ich wollte oder nicht. Sogar die Fische wussten das – und die konnten nicht einmal Französisch.

Es war eine weitere halbe Stunde vergangen, als mir wieder einfiel, was der Arzt am Telefon gesagt hatte. Man müsse, so der Mediziner, bevor sie wieder den Skalpell anlegen, zuerst einen sogenannten Erektionstest durchführen, um zu bestätigen, dass die letzte OP gescheitert war und ich demzufolge richtig ging in meiner Vermutung. Dass sie mir dieses Urteilsvermögen absprachen, fand ich schon etwas unverschämt angesichts meines blutüberströmten Dödels, aber mir schien es vernünftiger, diese Diskussion nicht am Telefon zu führen und dabei elendig zu verbluten. Fragen, die deinen Penis betreffen, regelst du besser Angesicht zu Angesicht. Vor allem mit Ärzten. Ich wollte nicht wissen, was das für ein Test war, dieser Erektionstest, aber er konnte nichts Gutes verheißen. Das Wort Erektionstest allein liegt definitiv schon auf der dunklen Seite der 50%, da war ich mir einig.

Ich beschäftigte mich lieber wieder mit Fischen. Und während ich ihnen so zusah, wie sie durch ihre beneidenswert übersichtliche Welt schwammen, fragte ich mich, wie so ein Fisch eigentlich eine Konfliktsituation bewältigt. Wie streiten Fische? Ein Aquarium ist ja auch eine Art Wohngemeinschaft und in Wohngemeinschaften gibt es nun einmal immer Zoff wegen irgendwas. Besonders, wenn man sich die Mitbewohner nicht mittels eines umfassenden Fragebogens casten kann. Es wäre wie eine WG mit Alzeimerpatienten. 

Oh, hi, Sie auch hier? Ja, gerade aus Deutschland angereist und Sie so? Ah, sehr gut. Wissen Sie, wieso man da vorne nicht weiter schwimmen kann? Nein, keine Ahnung. Wer sind Sie eigentlich? 

Und so geht das dann den ganzen Tag.  Gut, es muss vielleicht niemand einkaufen gehen, weil ihnen das Essen direkt von oben aufs Dach rieselt, was ich nebenbei bemerkt wiederum als eine sehr angenehme Art der Abhängigkeit empfinde. Abspülen muss auch niemand, weil es kein Geschirr gibt und für den Putzplan ist der Scheibenputzerfisch zuständig. Aber es gibt andere Konfliktherde: Da nagt schon einmal einer an deinem angestammten Stück Alge oder nimmt deinen Lieblingsstein in den Mund oder kackt vor dir eine nicht enden wollende feuchte Wurst ins Wasser. Ich als Mensch wüsste da nicht, wie ich reagieren soll. Was tust du dann erst als Fisch? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, Aggressionspotential ist auf jeden Fall vorhanden und selbiges erhöht sich bestimmt, wenn man ständig aus Versehen gegen unsichtbare Glaswände schwimmt.

Als dann zwei Stunden vergangen waren, war ich auf folgendem Beobachtungsstand: Fische jagen sich im Anschluss an diese Konfliktsituationen. Beziehungsweise, der Konfliktverursacher wird gejagt. Meistens ist der Konfliktverursacher der kleinere Fisch. Ein einfaches dialektisches System eigentlich. Was ich trotz intensiver Beschäftigung noch nicht herausgefunden hatte, war, was dann passiert. Wie nachtragend Fische sind. Definitiv nicht so wie wir Menschen, das war klar. Wir sind unerträglich nachtragend, aber immerhin. Fische haben ja auch nicht so viel Zeit wie wir. Fische haben keine Zeit, nachtragend zu sein. Vergeben und Vergessen wahrscheinlich. Vielleicht sind Fische ja gar nicht vergesslich, sondern einfach nur tief katholisch. Fische waren mir immer ein angenehmes Rätsel. Vielleicht stellt die Menschheit sie deswegen so gerne in seine Wartezimmer. Aquarien sind dann wie Sudoku, nur ohne diesen Druck, allen, die neben dir sitzen, deine Intelligenz im Umgang mit leerstehenden Zahlenfeldern beweisen zu müssen.

Als die dritte Stunde meiner Wartezeit verstrich, war ich gerade damit beschäftigt, die Bläschen der Sauerstoffmaschine im Aquarium zu zählen. Ich bin ein eher geduldiger Mensch. Das brauchte es auch, denn die Bläschen stiegen in vier versetzt zu einander laufenden Reihen auf. Irgendwann musste ich trotzdem aufgeben, denn mir fiel ein, dass Zählen wenig Sinn macht, weil die Bläschen danach eh nur im Nichts der Oberfläche verpuffen und ohne Unterlass aus dem Boden nachgepustet werden – und das auch noch in vier versetzt zu einander laufenden Reihen. Vielleicht hatte ich diese Art Geduld von meiner Oma, die ist in den Neunzigern nach Afrika ausgewandert. Und in Afrika gehen die Uhren ganz anders, sagt sie. Da gibt es keine Ungeduld. Und auch kein Blitzeis auf den Straßen. Das sind gute Konditionen für Senioren und solche, die es gern werden wollen.

Der Platz neben mir, auf dem auch Frau Ökhan vorher gesessen hatte, war der Heiße Stuhl des Wartezimmers. Kaum hattest du deinen Hintern geparkt, wurdest du mit einem Enthusiasmus aufgerufen, als hätte jemand im Lotto gewonnen. Das war einerseits frustrierend für mich, weil ich nach der letzten Stunde Bläschenzählen auch gerne dran gekommen wäre, andererseits lernte ich so die verschiedensten urologischen Konditionen kennen. Zum Beispiel Herr Unterrainer mit der Lederjacke und den gelben Zähnen, der sich gerade erhob und zur Untersuchung humpelte. Bei ihm passte der Name. Was nicht passte, war leider, dass bei ihm immer ein halber Liter Restflüssigkeit in der Blase hängenblieb und sie mussten ihm deswegen die Prostata operieren. Vielleicht Krebs, man wusste es nicht. Alles, was er deswegen nicht mehr tun durfte, hatte er in Bleistift auf einen mitgenommenen Zettel gekritzelt. Der Zettel las sich wie eine Zehn-Gebote-Tafel für Trucker und enthielt nur Dinge, die sich auf meiner guten Seite der 50% befanden. „Eine Prostata sollte man nicht unterschätzen, mein Lieber. Wenn das schlecht ausgeht, gebe ich mir den Strick,“ sagte er noch und dann humpelte er los. Vor Herrn Unterrainer saß dort ein anderer Typ, der laut eigener Aussage aus dem Penis blutete wie ein Schwein und deswegen eine Blasenspiegelung vor sich hatte. Er wollte dann von meinem Laptop aus ein bisschen Online-Banking machen und ich ließ ihn walten, weil ich fand, der arme Typ sollte wenigstens jetzt noch Geld im Internet transferieren dürfen, bevor sie ihm einen Schlauch mitsamt Kamera durch die Harnröhre pfeifen. Mir gegenüber saß dann noch eine sehr hübsche Frau in einem gelben Sommerkleid und aß eine Orange, und ihr gegenüber saß ich und wartete auf meinen Erektionstest.

Ich war nun schon zum dritten Mal in dieser Urologie. Die mussten denken, ich liebe diese Penisuntersuchungen. Es gibt sicher auch ein paar Typen, die es geil finden, wenn sich ein Doktor einen weißen Gummihandschuh überzieht und einen Erektionstest mit dir macht oder dir da unten ein bisschen rumschnibbelt. Ich gehöre da nicht dazu. Aber das sind Urologen, die wundert gar nichts mehr. Die haben schon alles gesehen. So wie die Fische im Wartezimmer. Ich saß nun schon vier Stunden hier.

Als die schöne Frau im gelben Sommerkleid ging, verließ mich schlagartig meine Kurzweile. Anscheinend empfinde ich keine Langeweile in Anwesenheit einer schönen Frau. Ich verbringe dann meine Zeit damit, mir detailliert auszumalen, wie ich es am besten anstelle, sie ganz zufällig anzusprechen und dann schnell zu heiraten, in ein Haus in der Provence zu ziehen und viel Sex und Babies mit ihr zu haben. Dabei blende ich bestimmte essentielle Dinge einfach aus: dass sie sehr wahrscheinlich einen volllippigen und großschultrigen Boyfriend hat; dass sie vielleicht Österreicherin ist und deswegen lieber in ihrem eigenen Land bleiben will; oder, noch wichtiger, warum zur Hölle sie überhaupt hier in der Urologie saß. Stattdessen ärgere ich mich dann noch eine ganze Weile, weil die Frau meistens geht, bevor ich genug Mut gesammelt habe, meinen Plan in die Tat umzusetzen. So auch an diesem Tag. Also ärgerte ich mich, stand auf und schleppte mich zur Rezeption, wo mein kaputter Penis und ich noch ein paar weitere Stunden anstehen mussten. Als ich endlich völlig entkräftet an der Reihe war, es war sicher schon Nacht geworden, schwebte vor mir eine dicke Frau in einem eindrucksvollen, durchsichtigen Glasbehältnis, guckte mich an und bewegte ihren Kiefer ganz langsam auf und ab. Dann schwebte sie etwas weiter nach hinten, schwebte zurück, nagte an etwas, das aussah wie ein Stein oder eine Wasserpflanze, guckte mich mit großen Augen an und fing wieder an, ihren Kiefer langsam auf und ab zu bewegen, während kleine Bläschen aus ihrem Mund anfingen, himmelwärts zu steigen. Ich guckte mit großen Augen zurück, etwas Blut tropfte aus meiner Hose auf den Boden. Ich beschloss, mir das ein wenig anzusehen, denn mich beruhigte dieser Anblick auf eine vertraute Art und Weise.

Nach ein paar Sekunden drückte sie auf den Knopf neben ihrem Mikrofon und dann drang ein Geräusch durch die Glasscheibe an mein Ohr: „Sie kommen auch noch dran.“ Ich hatte plötzlich das starke Bedürfnis, mir einen Snack zu kaufen, ihn zu zerbröseln und mir von oben auf das Gesicht rieseln zu lassen.

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Kommentare

  1. Ach, was ist das schön. Bitte mehr von diesem authentischen Zeug. Zu lustig für diese Welt…

  2. Nils Ketterer

    Danke Ju, authentische Grüße

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