If it’s not right go left Das mit uns, ich kann das nicht • 5 Min Lese

„Ich benutze dich nur,“ sagte sie. Es war 6 Uhr morgens, wir standen vor der Wohnungstür ihres Freundes und ich hatte meine Hand in ihrer Hose.

Ich wusste nicht, ob das jetzt gut oder schlecht war, und darüber, wer hier gerade wen benutzt, war ich mir auch nicht sicher. Aber ich nahm erstmal meine Finger wieder aus dieser Fotografin. Es war nicht das erste Mal, dass mir das eine Frau gesagt hatte. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele mich benutzt hatten, um ihren Freund zu betrügen. Es ist keine schöne Statistik. Aber am Ende des Tages benutzen wir alle irgendwen für irgendwas. Außerdem finde ich es schön benutzt zu werden. Ich fühle mich dann gebraucht und wertvoll. Wie ein Gurkenschäler. Oder ein Milchschäumer. Oder einer von diesen gelben Spülschwämmen mit der rauen Rückseite.

Nase auf Laufsteg

Ich wollte nie Model werden. Models werden benutzt. Trotzdem stand ich ein paar Wochen später hier auf der Fashion Week, bis zum Hals gewickelt in schwarze undefinierbare Stoffe und abgestandene Beats von 2011. Die Designerin zog ein Polaroid von mir aus ihrer Kamera und sagte: „Dit funktioniert. Is jekooft, min Lieber“. Früher war es immer scheiße, so dünn zu sein. Heute zahle ich meine Miete damit. Und die 70 Euro, die mittelmäßige Models wie ich pro Lauf und nach Abzug der Agenturpauschale und Steuern bekommen, hatte ich eh gestern schon in so einer Bar für mittelmäßigen Hummus und Drinks auf den Kopf gestellt. Blöd: Ich habe den Job am Ende doch nicht bekommen.

Aber wie es so ist in Berlin, gibt es dort keine Nachricht, die so schlecht ist, dass sie nicht in einer der vierzehntausend Bars weggespült werden könnte. Überhaupt ist Berlin für mich die perfekte Ehefrau: sie sieht unglaublich gut aus – und nichts funktioniert. Wir sind in einer ziemlich offenen Beziehung. Sie ist immer für mich da. Ich kann jederzeit zu ihr zurück kommen. Ich muss lachen, wenn ich sie wieder sehe. Sie ist mir nie böse, wenn ich sie mal wieder mit anderen Städten betrüge. Nein, sie wartet geduldig. Vielleicht werde ich auch irgendwann erwachsen und bleibe bei ihr. Aber bis dahin bleibt sie für mich die große Liebe. Und eine große Liebe begleitet dich auch, wenn du Trinken gehst, dir bei einer Schneeballschlacht die Innenbänder reißt und dann im Krankenhaus landest.

Email ans Bett

Ich wurde von meinem iPhone geweckt. Zwei Emails im Posteingang. Neben mir die Krücken. Das Bett war verdammt weich.

Email Nummer Eins: „Hey Nils, ich kann dich echt schon die ganze Zeit nicht erreichen und hätte es dir gern persönlich gesagt. Aber die Chefs wollen nicht mehr, dass du weiter arbeitest. Ich habe keine Ahnung was genau vorgefallen ist, aber sie haben gemeint, es sind ihnen Sachen aufgefallen, die sie nicht gut fanden. Ich habe auch keine Ahnung, aber sie lassen sich auch nicht umstimmen, du sollst schon nächste Woche nicht mehr kommen. Steffi.” 

Email Nummer Zwei war von Anna-Lisa. Ein molliger, verwirrter Text mit ein bisschen Selbstmitleid und ein, zwei schalen Komplimenten. Abgeschickt an einem verkaterten Samstag Mittag: Das mit uns, sie kann das nicht. Sie muss erstmal selber klar kommen. Auf WhatsApp schickte sie noch hinterher: „Es tut mir Leid. Ich bin so schlecht.” Und dann noch ‚Viel Spaß auf der Fashion Week’.

Ich hätte es eigentlich ahnen können. Sie sprach ständig davon, sich eine neue Frisur zu machen, ein neues Parfum auszuprobieren, ein neues Studium, trug jeden Tag eine andere Farbe auf ihren Nägeln. Diese Dinge bedeuten, dass man keine Ahnung hat, was man gerade tut. Das weißt du doch, Nils. Diese Statistik hat noch nie gelogen. Man kommt zwangsweise drauf, dass man sich trennen muss: von Dingen, Gefühlen, von Plänen, und von Menschen. Vielleicht hätte ich es auch daran sehen können, dass sie beim Küssen nie ihre Zunge benutzte, obwohl sie glaubte man ist ohne Zunge nie richtig zusammen. Oder weil sie mir beim Sex nicht in die Augen gucken konnte. Überhaupt hatte sie mich nie richtig etwas gefragt. Ich hätte es wirklich wissen sollen.

Wir hatten uns vor ein paar Wochen auf Tinder kennengelernt. Ja, auf Tinder, nicht im Supermarkt. Wobei, Tinder ist ja auch ein Supermarkt. If it’s not right, go left. Es war mein erstes und einziges Tinderdate. Ich war zu spät, aber gut drauf. Und sie hatte unglaublich viel Stil und traumhaft schöne Beine, die zu einem traumhaft schönen Arsch führten. Und sie hatte Lippen von einem anderen Stern, auf denen sie oft Lippenstift trug. Im Gesicht trug sie manchmal Glitzer, einfach so. Ich mochte sie. Sie wollte Künstlerin werden. Ging jeden zweiten Abend ins Theater. Hatte Hemingway auf dem Bücherstapel neben ihrem Bett liegen und eine Nähmaschine auf ihrem dunklen Holztisch und ich liebte diese Momente, wenn sie sich vor ihrem Holzkleiderschrank mit dem Rücken zu mir wieder anzog, und ich ihr vom Bett aus dabei zusehen durfte.

Über Zahnbürsten

Sie hat mir beim ersten Mal gleich meine eigene Zahnbürste in ihre Zahnbürstentasse gestellt. Normalerweise macht mir so etwas Angst. Aber bei ihr war es okay. Sie sagte Dinge wie „Ich will eh keinen Anderen“ oder „Ich wollte ohne dich nicht ausgehen”. Auch das machte mir Angst, aber bei ihr war es irgendwie okay. Sie schrieb mir jeden Tag, mehrmals, völlig belangloses Zeug. Normalerweise macht mir das Angst, aber es war okay, weil sie es war.  Nur als sie mir nach dem dritten Date ihren Dad und nach dem vierten ihre Mum vorstellen wollte, bekam ich etwas Schiss und hatte den Impuls mit einer anderen Frau auszugehen, was ich auch tat. Trotzdem habe ich Anna-Lisa eine Zahnbürste für mein Waschbecken gekauft. Premiere für mich. Ich habe mir ihre komplette Familiengeschichte angehört. Auch Premiere für mich. Und Sex mit zwei Halb-Göttinnen aus Wien abgesagt. Jetzt wollte sie mich nicht mehr. Muss erstmal mit sich selber klarkommen. Fühlt sich eingeengt. Wahrscheinlich von meiner Zahnbürste.

Bitte nur erster Gang

Ich wollte ihr eigentlich das Gleiche sagen, sobald ich wieder zurück in Wien war. Dass sie mit mir vorsichtig sein muss, langsam angehen, Standgas, vielleicht erster Gang, wenn überhaupt. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand schneller fährt als ich. Sie wusste auch nicht, dass ich noch mit Wundenlecken beschäftigt war, von den letzten zwei Frauen, die erstmal mit sich klarkommen wollten, bevor sie das mit mir konnten. Es ist immer gleich: Sie sagt „Ich muss selber klar kommen, ich bin verwirrt.” Ich sage „Okay” und denke Wie, was, wie meinst du das, verwirrt? Entweder willst du jemanden, oder nicht. If it’s not right, go left. Das ist doch nicht verwirrend. Ich meine, mach mal ein Foto von den Sternen und realisiere, dass du da gerade in die Vergangenheit schaust! Das ist verwirrend. Nicht diese zentraleuropäische Obere-Mittelklasse-Verwirrtheit. 

Ich seufzte und klatschte das iPhone gegen meine Stirn. Leise, um Lina nicht zu wecken. Aber sie war schon wach.

„Was ist?“, sie verschob gerade absichtlich ihr Top.

„Nichts. Alles gut. Wie hast du geschlafen?“

„Wenig“, lächelte sie und ihre Hand rutschte langsam zwischen meine Beine. Sie war gefährlich nahe dran, sich zu verknallen. Wir hatten uns gestern Abend auf dem Dach eines verlassenen Zugbahnhofs geküsst, dann schenkte sie mir ein Buch von Murakami. Aber hey, sie war ein großes Mädchen.

„Bist du mir böse, wenn ich dich jetzt ein bisschen benutze?”, fragte ich Lina zu meiner Linken, und als sie ihre Brust langsam über meine streifen ließ, glitt mir das Telefon aus der Hand, rechts neben dieses verdammt weiche Bett in dieser verdammt harten Stadt.

Kommentare

  1. Nina

    Ich will mehr davon *_*

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