Paradox auf Erden

Manchmal, weißt du, manchmal muss ich gehen. Da schleift mich etwas schon am Hosenbein die Treppe runter, da habe ich noch nicht einmal meinen Koffer gepackt.

Soundtrack dazu


Ich schaffe es gerade noch so, meine Zahnbürste und den Laptop zu greifen. Es ist gar nicht die Kälte und das Grau in Berlin. Jacke anziehen und Bier trinken ist nicht schwierig. Es ist etwas anderes. Es zieht an mir wie ich an dieser Zigarette, die mir aus dem Mund hängt. Die ich ja gar nicht drehen und erst recht nicht anzünden wollte und es dann doch getan habe. Ich schieße den Rauch von meinem Hügel in Richtung der Insel gegenüber, die aussieht wie eine Schildkröte aus der Hölle. Rein in die Wolke über ihr, die wie ich den Sonnenuntergang verpasst hat. Sie sieht aus wie ein Drache, der feuerspeiend da drüben auf die Küste zufliegt. Gottseidank nicht zu mir. Die Sternschnuppen fliegen mir um die Ohren, das Wasser ist von tausend Farben und die Olivenbäume am Hang nicken mir zu. Diese Terrasse unter den Sternen ist das fucking Paradies, aus dem ich dir schreibe. Und ich hasse es.

Ich mag die Inseln. Weil da kann ich nicht weg. Es kann auch niemand hin, nur sehr gute Schwimmer, und davon kenne ich wenig. Das ist gut, wenn ich eigentlich schreiben will. Dass ich niemanden pitschnass aus dem Wasser ziehen und ihm einen Kaffee anbieten muss oder so, oder eine Rettungsdecke. Ich kann es nicht anders. Und es quält mich zu Tode, dieses Alleinesein, dieses Paradies, wenn ich nicht will. Tagsüber ist es noch okay, aber wenn die Sonne untergeht, sollte man zusehen, dass eine Flasche Wein in der Nähe ist, oder sofort ab ins Bett, das ist noch besser, sonst geht das nicht gut aus. Dann kommt nämlich die Angst, die Furcht. Dann kommen die Sorgen. Dann reißen sich die Bourgeoisie und die Bohème um deine Seele und du liegst im Bett, blutig und mit leerem Kopf, deinen Penis in der Hand, um das alles wegzumasturbieren.

Am Anfang denkst du noch, geil, Paradies. Aber dann denkst du, fuck, Paradies. Ein paar Wochen später kommen die Tränen. Selbstmitleid in der selbsterschaffenen Situation ist die höchste Form aller Paradoxie. Aber das ist nichts Neues, alles ist paradox hier. Die Erde muss sich drehen, damit irgendwas passiert. Aber sie dreht sich so schnell, dass mir die Zweige ins Gesicht peitschen und die Gischt und der Fahrtwind sind so stark, dass ich zu sehr mit Festhalten beschäftigt bin. Egal, wie du es drehst und wendest, du blutest. Wenn die Sonne scheint, sitzt du auf einem Stein am Meer und schreibst nicht. Wenn es regnet, bist du traurig, dass die Sonne nicht scheint, und schreibst nicht. Wörter sind doch nicht so schwierig, meine Güte. Wörter sind wie Tattoos, die kann jeder.

Und dann, wenn du alle Wanzen totgeschlagen hast, dann kommt die Resignation. Das Lehnen an Stangen und der Blick in die Ferne. Das Drehen von Zigaretten, obwohl du nicht rauchst. Das Fressen und das Trinken von Dingen, die deinen Magen kaputt machen. Die Flucht in die Stille. Und dann kommt der Sturm und die Schlaflosigkeit. Dann schlägst du auch noch die Fliegen kaputt, weil sie nur Hektik verbreiten und dir die Aussicht im Fenster mies machen, die Aussicht auf die Schildkröte. Und du hörst draußen den Wein fallen und die Katzen schreien, weil sie einen Kater wollen, damit sie noch ein paar süße Kätzchen auf die überquillende Mülltonne am Feldweg setzen können. Du hörst die Hähne, die wie du nicht schlafen können und Mitternacht mit Sonnenaufgang verwechseln. Und recht haben sie, wer soll sich bei dem Ganzen bitte noch auskennen? Irgendwo ist immer Sonnenaufgang, weißt du. Du hörst die eingesperrten Hunde gegen ihre Zwingerwände bellen. Die Vögel gegen deine Scheibe fliegen. Dein Herz schlagen. Und das alles macht dich so müde, dass du eine Woche lang nur schläfst. Irgendwann wachst du auf und die Sonne kommt raus und du schreibst ein Gedicht. Und dann stellst du dich auf die Mauer und pinkelst in den Horizont, weil das das einzige ist, das dir noch Freude bereitet. Und dann gehst du wieder ins Bett, weil es morgen wieder regnen wird, das siehst du an den Wolken auf der anderen Seite, die schwarzen, in denen Zeus mit seinen Blitzen sitzt und Donner pupst.

 

Zeus, lass mich. Ich will nach Hause und in einem Bett Orange is the New Black gucken mit jemandem, der eine weiche Haut hat. Oder alle Game of Thrones Staffeln nochmal oder meinetwegen Herr der Ringe, den zweiten. Irgendwas Wes Anderson oder einen Weihnachtsfilm oder, ach, Woody Allen geht immer. Wichtig ist nur das mit der weichen Haut. Nein, nein, nein. Ich möchte auf Weltreise gehen! Dort vorne im Meer, bei dieser kleinen Bucht vor der Schildkröte. Da möchte ich in ein Boot einsteigen und dann ab zu den Kokosnüssen. Oh wie schön wäre es, den Atlantik zu überqueren und dann in der Karibik anzukommen wie ein Pirat. Und verdammt, ich muss in Moskau leben. Wie die Bohemians in Moskau wohl drauf sind? Aber vorher noch Dublin. Oh Gott und Paris. Ich vermisse Paris. Die scheiß Pains au Chocolat, das Stück Baguette schon auf dem Heimweg abreißen. An den Straßenlaternen hängen und an diesen Cafétischchen sitzen, wo meine Beine nie drunter passen. Meine Güte, London wäre auch nicht schlecht an Weihnachten. In der Mitte von London sitzen mit einem Keks. Oder nach Stockholm! Zu den Zimtschnecken und verdammt, zu den Blåbärmuffins. Diese noblen Blåbärmuffins. Vielleicht kaufe ich mir dort eine Hose und laufe damit durch die steilen Gassen von Södermalm. In Stockholm brauchst du eine gute Hose. Mann, Mann, was mache ich eigentlich hier. Schildkröte, komm wir gehen. Fucking Paradies. Alles Paradox. Ich hoffe, du vermisst mich auch.

Kommentare

  1. Bämm, mitten ins Herz! ♡

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