Die Männerhure

Foto: Louis von Stebut

Wer ein Schloss hat, in das jeder Schlüssel passt, der hat ein schlechtes Schloss. Wer einen Schlüssel hat, der in jedes Schloss passt, hat den perfekten Schlüssel. Ich habe das einmal auf einer Klotür gelesen. Es ist die größte Lüge auf der Welt. 


Ich hatte es das erste Mal gemerkt, als ich in diesem Club in dieser Stadt stand. Okay, Club ist übertrieben. Stadt eigentlich auch. Ich sagte der Frau, mit der ich dort stand, dass ich sie zwar interessant fände, aber auf keinen Fall mit ihr schlafen werde. Sie sagte „Süßer, ich stehe gar nicht auf Männer” und dann kicherte sie und ich kicherte nicht. Es stimmte. Das weiß ich heute, weil sie eine Ärztin geheiratet hat. Irgendsoeine Narkoseärztin aus Berlin. Sie fand mich damals einfach nur lustig, dachte ich, aber irgendwann an diesem Abend hatte sie es sich dann doch anders überlegt. 

post6Meine Wohnung war die schönste der ganzen Stadt. Mitten im Zentrum, oben unter dem Dach, mit Klavier und einem Zitronenbaum. Aber ich war nicht dort, ich war in diesem Club an der Bar und jeder, der neben uns an der Bar stand, wusste, dass sie mich bald mitnehmen würde. Nur ich nicht. Ich tat so, als wäre ich wirklich der Boss meines Abends und bestellte mein vierzehntes Bier. Oder vielleicht war es das siebte. Hauptsache meine Entscheidung. Ich trug ein viel zu tief ausgeschnittenes weißes Shirt, das ich mir selbst zugerichtet hatte. Meine ausgemergelten Arme hingen aus den Tshirtlöchern wie überflüssige Stofffäden. Irgendjemand kam vorbei und sagte „Mit solchen Armen würde ich mich nicht in einen Club trauen“. Dort, wo normalerweise T-Shirt sein sollte, streifte mich dann eine Hand an der Brust. Es war die Hand eines Mädchens, das ich vor einiger Zeit einmal im gleichen Club getroffen hatte und, ich bin mir nicht ganz sicher, wahrscheinlich hatte ich mit ihr geschlafen. Sie lächelte mich über ihre Schulter an und ging weiter, irgendwie in Zeitlupe, die Treppen hoch, durch den verschwitzten Rauch des Clubs. Zwischen ihr und mir war nur dieser verdammte Rote-Teppich-Blick. Sie wusste, dass ich mit ihr geschlafen hatte. Scheiße, sie wusste es. 

Louis von Stebut
Foto: Louis von Stebut

Auf der selben Treppe wurde ein Mädchen von so einem Indie-Typ gegen die Wand geknutscht, ihre Hände drückte er mit seinen so halbfest gegen den Beton. Mädchen mögen das manchmal, habe ich gehört. Good Job, mein lieber Indietyp, dachte ich. Good Job. Aber als er sich etwas zur Seite lehnte, sah man ihr Gesicht. Und genau dieses Gesicht hatte am Abend vorher betrunken an meiner Tür geklingelt und mir eine Dose Bier und zwei Kondome entgegen gehalten. 

Am Ende verkauft doch jeder irgendeinen Teil von sich. Wenn es gut läuft, verkaufst du deine Zeit. Wenn es schlecht läuft, verkaufst du halt deinen Körper. Aber mir kann niemand erzählen, dass er sich nicht verkauft. Wenn man einmal ehrlich ist mit sich selbst, sind wir alle Huren. Alle in diesem Club sind Huren. Alle in dieser Welt sind Huren. Huren im Kampf der Ehre gegen die gute Erfahrung. Huren im Kampf der Liebe gegen Statistiken. Gewinnen tun wir nicht oft, dachte ich noch und dann standen mein Bier und ich weiter schief an dieser Bar herum. 

Louis von Stebut
Foto: Louis von Stebut

Aber wenn schon Hure, dann wenigstens eine gute. Also ließ ich mich von der Frau, die heute mit einer Ärztin verheiratet ist, noch auf ein paar Drinks einladen und sagte ein paar mal Nein und dann gingen wir zu mir nach Hause, wo sie erst sich und dann mich auszog und mir sagte, sie müsse mir etwas zeigen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich es gut finde, was dann dort passiert ist. Aber es machte mir nichts aus. Sie wollte mich danach auch ein bisschen würgen. Ich dachte, das ist schon drin in den ganzen Drinks, die sie mir ausgegeben hatte. Immerhin hatte sie ein Kondom benutzt. Gekommen ist in dieser Nacht niemand. Gegangen ist sie aber irgendwann – und ich lag nackt und betrunken und ohne Decke in diesem meinem Zimmer mit den roten Vorhängen. Es hat sich scheiße angefühlt. Nicht, weil sie scheiße war. Sie war schon okay. Schön, sexy, erfolgreich und so viel intelligenter als ich. Sie war nicht das Problem. Das Problem war: Ich hatte in diesem Moment gemerkt, warum sie mich anrufen, wenn ihr Boyfriend weg ist. „Hi wie geht’s? Lange nichts gehört!“ schreiben sie und dann weinen wir zusammen und ich höre ihnen zu, während sie nackt sind. Und auch wenn der Boyfriend noch da ist rufen sie mich an und lehnen sich mit ihren Lippen vor mich, bis ich sie küsse. Ich hatte einfach gemerkt, dass mein Schlüssel in zu viele Schlösser passt. Ich hatte einen Scheißschlüssel und es gab niemanden, der mich da raus holen konnte. 

post

Kommentare

  1. Martin

    Schöner Text mit viel Appeal! Vor allem am Ende und davor auch.

  2. Oh. Das mag ich. Sehr sogar.

  3. jetzt weiß ich auch nicht so genau jasmin… strichpunkt stricher?

  4. constanza

    Unterhaltsam. und macht nachdenklich (y)

  5. Nils Ketterer

    <3 Constanza

Schreibe einen Kommentar